Was jahrelang als Wachstumsgarant galt, wird im Lebensmitteleinzelhandel derzeit nüchtern neu kalkuliert: Bio. Große Handelsketten wie Aldi, Lidl und Rewe passen ihr Bio-Angebot spürbar an – und senden damit ein deutliches Signal an Produzenten wie Verbraucher. Nicht der ökologische Anspruch verschwindet, wohl aber das klassische Bio-Siegel als alleiniger Maßstab.

In den Regalen zeigt sich der Wandel bereits. Einzelne Bio-Produkte werden ausgelistet, vor allem dort, wo Absatz und Marge nicht mehr stimmen. Gleichzeitig tauchen neue Begriffe auf: „nachhaltig erzeugt“, „aus regionaler Landwirtschaft“, „mehr Tierwohl“. Für Kundinnen und Kunden mag das auf den ersten Blick nach kosmetischen Veränderungen aussehen, tatsächlich steckt dahinter eine strategische Neuausrichtung.

Der Grund ist schlicht ökonomisch. Bio-Produkte sind teurer in der Beschaffung und im Verkauf. In Zeiten hoher Inflation und steigender Lebenshaltungskosten greifen viele Verbraucher wieder häufiger zu günstigeren Alternativen. Der Handel reagiert pragmatisch: Statt auf ein umfassendes Bio-Sortiment zu setzen, wird stärker differenziert. Produkte mit stabiler Nachfrage bleiben, andere fallen durchs Raster. Bio wird damit vom flächendeckenden Versprechen zur gezielten Nische.

Parallel dazu gewinnt ein anderer Trend an Gewicht: Regionalität. Viele Konsumenten sind bereit, für Produkte aus der eigenen Region mehr zu bezahlen, selbst wenn diese kein Bio-Siegel tragen. Kurze Transportwege, Unterstützung lokaler Betriebe und ein Gefühl von Nähe schlagen für viele das abstrakte Öko-Label. Auch Tierwohl-Programme entwickeln sich dynamischer als der klassische Bio-Markt. Labels mit mehreren Tierwohl-Stufen vermitteln Transparenz und erlauben zugleich preisliche Abstufungen – ein Vorteil für Händler und Käufer.

Kritiker sehen darin eine schleichende Verwässerung des Bio-Gedankens. Wenn „nachhaltig“ statt „bio“ draufsteht, bleiben die Kriterien oft unklar. Befürworter argumentieren dagegen, dass starre Siegel nicht mehr zeitgemäß seien und viele Verbraucher differenzierter entscheiden möchten: regional statt global, besseres Tierwohl statt formaler Bio-Standards.

Für Bio-Landwirte ist diese Entwicklung problematisch. Wenn große Handelsketten ihr Sortiment verkleinern oder umetikettieren, verlieren sie wichtige Absatzkanäle. Gleichzeitig entsteht ein Preisdruck, der kleinere Betriebe besonders trifft. Was im Supermarkt als flexible Sortimentspolitik erscheint, wird auf dem Hof schnell zur Existenzfrage.

Der Umbau der Bio-Regale zeigt: Der Markt entfernt sich vom reinen Siegeldenken. Nachhaltigkeit wird neu definiert – breiter, aber auch unverbindlicher. Ob das dem ökologischen Wandel hilft oder ihn ausbremst, entscheidet sich nicht im Marketing, sondern daran, ob Bauern von ihrem Anspruch künftig noch leben können.

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