Ein Fass voller Vergangenheit – und Verantwortung. Über 60 Jahre lang war die zivile Nutzung der Kernenergie Teil der deutschen Geschichte. Heute sind viele Reaktoren abgeschaltet, Gebäude stillgelegt, Brennelemente verglast, verpackt, vergraben. Aber die Geschichte ist noch lange nicht abgeschlossen – sie beginnt gerade erst. Denn was wir aus der nuklearen Vergangenheit lernen, könnte entscheidend dafür sein, wie wir in Zukunft mit einem der gefährlichsten Abfälle der Menschheit umgehen: radioaktivem Müll.

Willkommen im Zeitalter des nuklearen kulturellen Erbes.

Dr. Melanie Mbah vom Öko-Institut erforscht, wie wir als Gesellschaft mit der Strahlung jenseits der Technik umgehen – mit den Geschichten, den Protesten, den Erinnerungen und Mahnmalen, die aus dem Atomzeitalter erwachsen sind. Ihr Fazit: Nukleares Erbe ist nicht nur eine technische, sondern eine zutiefst kulturelle Herausforderung.

Denn was passiert, wenn Gefahr nicht sichtbar ist, aber über Jahrtausende besteht? Wie erinnern wir künftige Generationen an Risiken, die sie vielleicht nicht mehr verstehen? Welche Orte, Objekte, Archive und Erfahrungen helfen dabei, die Warnung durch die Zeit zu tragen?


Museen, Mahnmale, Mythen – das Gedächtnis der Atomkraft

Was auf den ersten Blick nach Technikmuseum klingt, ist in Wahrheit ein komplexes Netzwerk aus Orten, Erinnerungen und Erzählungen:

  • stillgelegte Reaktoren wie das Atomei in Garching,

  • Protestcamps in Gorleben,

  • künstlerische Ausstellungen,

  • Archivmaterial von Aktivist*innen,

  • Forschungsdokumente,

  • und sogar persönliche Geschichten ehemaliger Mitarbeiter*innen.

Insgesamt hat Mbah mit ihrem Team 77 Orte in Deutschland identifiziert, an denen sich dieses nukleare Gedächtnis formt – viele davon in Museen, Besucherzentren, Gedenkstätten oder Archiven. Sie sind über das ganze Land verteilt und zeigen: Das atomare Erbe lebt – und wir müssen uns damit auseinandersetzen.


Vergangenheit trifft Verantwortung

Das nukleare kulturelle Erbe ist mehr als eine Sammlung alter Dinge. Es ist ein Spiegel unserer Haltung zur Technologie, zur Macht, zur Sicherheit – und zu unserer Verantwortung gegenüber der Zukunft.

Denn während Castor-Behälter Jahrzehnte überstehen müssen, muss auch das Wissen über ihre Gefahr Jahrtausende überdauern. Das wirft gewaltige Fragen auf:
Wie speichern wir Warnungen für Zeiten, in denen unsere Sprache längst vergessen sein wird?
Wie institutionalisieren wir Wissen, das sonst verloren gehen könnte?
Wie machen wir aus Erfahrung Vorsorge?


Ein Erbe, das verbindet – und fordert

Das nukleare kulturelle Erbe verwebt Zeit, Raum, Emotion und Macht:

  • Es verbindet Orte mit globalen Ereignissen wie Tschernobyl und Fukushima.

  • Es ist geprägt von Emotionen – Angst, Wut, Hoffnung, Erinnerung.

  • Es verlangt, dass wir gemeinsam entscheiden, was bewahrt wird und was vergessen.

Und genau darin liegt seine Kraft: Es zwingt uns, Fragen zu stellen, für die es keine einfachen Antworten gibt – aber die wir stellen müssen, wenn wir nicht nur Strahlung, sondern auch Verantwortung vererben wollen.


In den nächsten Beiträgen dieser Serie stellt Dr. Melanie Mbah einige der Orte und Fallbeispiele vor, die sie untersucht hat – darunter das Atomei Garching, die Uranerzregion Wismut und das symbolträchtige Gorleben. Orte, die nicht nur Teil der Geschichte, sondern auch Teil der Zukunft sind.

Denn: Was wir erinnern, bestimmt, was wir hinterlassen.

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