Eigentlich ist der arktische Sommer ein Schauspiel des Verfalls. Sobald die Sonne wochenlang nicht untergeht, verwandelt sich das Meereis in eine zerfurchte Landschaft aus Wasserlachen und schmelzenden Rinnen. Dunkle Schmelztümpel saugen Wärme auf, beschleunigen das Auftauen – und treiben den Eisverlust Jahr für Jahr weiter voran.
Doch in diesem Sommer war alles anders.
Statt spiegelnder Tümpel lag auf großen Flächen der zentralen Arktis Schnee. Weiß, trocken, reflektierend. Ein Anblick, den Forschende als außergewöhnlich bezeichnen. Und einer, der Folgen hatte: Das Meereis schmolz deutlich weniger stark als erwartet.
Ein unerwarteter Schutzmantel
Schnee wirkt wie ein Sonnenschirm. Während dunkle Wasserflächen Wärme aufnehmen, wirft eine helle Schneedecke einen Großteil der Sonnenstrahlung zurück ins All. Das Eis darunter bleibt kälter, stabiler – und länger erhalten.
Normalerweise verschwindet der Schnee in der Arktis schon früh im Sommer. Doch diesmal blieb er ungewöhnlich lange liegen, selbst noch im Spätsommer. Statt einer zerklüfteten Eisoberfläche zeigte sich vielerorts eine geschlossene, helle Decke.
Das Wetter als Schlüssel
Der Grund für dieses ungewöhnliche Bild liegt hoch über dem Eis. Ein stabiles Tiefdrucksystem hielt sich über Wochen in der Arktis. Es brachte kalte Luftmassen aus dem Polargebiet, verhinderte starke Erwärmung – und sorgte immer wieder für Schneefall, wo sonst Regen oder Schmelze dominieren.
So entstand eine seltene Kombination: Sommerliche Lichtverhältnisse, aber winterliche Schutzwirkung.
Kein Entwarnungssignal
So überraschend dieses Phänomen ist, so wichtig ist eine Einordnung. Der geringere Eisverlust bedeutet keine Trendwende. Das arktische Meereis schrumpft weiterhin – langfristig und deutlich. Einzelne Sommer können davon abweichen, doch sie ändern nichts am Gesamtbild.
Im Gegenteil: Gerade solche Ausnahmen zeigen, wie sensibel das System reagiert. Kleine Veränderungen in Wetterlagen können große Effekte haben – in beide Richtungen.
Ein kurzer Moment des Stillstands
Für die Forschenden war dieser Sommer ein seltener Moment des Innehaltens in einer sonst dramatischen Entwicklung. Schnee, wo sonst Wasser steht. Helligkeit, wo sonst Dunkelheit die Wärme speichert.
Ein arktischer Sommer, der zeigte, dass das Eis noch reagieren kann –
aber auch, wie abhängig sein Schicksal von wenigen Grad, Wolken und Luftströmungen ist.
Die große Schmelze mag diesmal gebremst worden sein. Aufgehalten ist sie nicht.
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