Er ist riesig, abgelegen und doch von globaler Bedeutung. Tief in der Westantarktis liegt ein Eisgigant, dessen Zukunft über das Schicksal vieler Küstenstädte entscheiden könnte. Der Thwaites-Gletscher – oft als „Weltuntergangs-Gletscher“ bezeichnet – zeigt alarmierende Anzeichen von Instabilität.
Was Forschende derzeit beobachten, lässt aufhorchen: Der Gletscher verliert schneller an Halt als lange angenommen. Seine Eismassen, so heißt es drastisch, würden sich nur noch „mit den Fingernägeln“ am Untergrund festklammern.
Ein Koloss aus Eis
Mit einer Fläche, die mit großen Staaten vergleichbar ist, gehört der Thwaites-Gletscher zu den größten der Erde. Er wirkt wie ein gigantischer Pfropfen: Solange er stabil bleibt, bremst er das Abschmelzen weiterer antarktischer Eismassen. Gibt er nach, könnte eine Kettenreaktion ausgelöst werden.
Genau das macht ihn so gefährlich. Der Gletscher hält nicht nur sein eigenes Eis zurück, sondern stabilisiert einen ganzen Abschnitt des antarktischen Eisschilds.
Warmes Wasser von unten
Das eigentliche Drama spielt sich unsichtbar ab. Warmes Meerwasser dringt unter den Gletscher, schmilzt ihn von unten und höhlt seine tragenden Strukturen aus. Besonders kritisch sind sogenannte „Scherspalten“ und Bruchzonen, die sich immer weiter ausdehnen.
Forschende haben den Rückzug des Gletschers über lange Zeiträume rekonstruiert – mit einem ernüchternden Ergebnis: Der aktuelle Zustand ähnelt Phasen in der Vergangenheit, in denen sich der Gletscher sehr schnell zurückgezogen hat. Das deutet darauf hin, dass ein Kipppunkt näher sein könnte als gedacht.
Was auf dem Spiel steht
Sollte der Thwaites-Gletscher vollständig kollabieren, könnte der globale Meeresspiegel um bis zu drei Meter ansteigen. Das würde Küstenstädte weltweit bedrohen – von flachen Inselstaaten bis zu Millionenmetropolen. Häfen, Wohngebiete und ganze Landstriche würden unbewohnbar.
Und selbst ein teilweiser Rückzug hätte massive Folgen. Schon wenige Dezimeter Meeresspiegelanstieg reichen aus, um Sturmfluten zu verstärken und Überschwemmungen häufiger zu machen.
Kein plötzliches Ereignis – aber ein unaufhaltsamer Prozess?
Der Kollaps des Gletschers würde nicht über Nacht geschehen. Doch sobald bestimmte Schwellen überschritten sind, könnte der Prozess kaum noch aufzuhalten sein – selbst dann, wenn die Erderwärmung gebremst wird. Genau deshalb sprechen Forschende von einem der gefährlichsten Kippelemente im Klimasystem.
Der Thwaites-Gletscher ist damit mehr als ein entfernter Eisblock. Er ist ein Frühwarnsystem aus Eis.
Ein Signal an die Welt
Was in der Antarktis geschieht, bleibt nicht dort. Der Zustand dieses Gletschers macht deutlich, wie eng das globale Klimasystem miteinander verknüpft ist – und wie stark heutige Entscheidungen die Küsten von morgen prägen.
Noch hält der Eisriese stand.
Doch wie lange noch, ist eine Frage, die weit über die Polarregion hinausreicht.
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