Was einst als leiser Aufstand begann – Bioläden in Hinterhöfen, geführt von Idealistinnen mit Wollsocken und Kompostkübel – ist heute ein milliardenschweres Geschäft. Bio ist im Mainstream angekommen. Doch während in den Einkaufswagen der Deutschen immer häufiger Bio-Produkte landen, geraten die Pioniere von damals unter Druck – und viele verschwinden ganz.
Der Bio-Markt wächst – aber für wen?
16 Milliarden Euro gaben die Deutschen im vergangenen Jahr für Bio-Lebensmittel aus. Die Nachfrage steigt – und doch ist es kein goldener Herbst für alle Anbieter. Große Ketten wie Alnatura und Dennree (mit „Denns Biomarkt“) dominieren das Geschäft. Sie sind bestens organisiert, solide finanziert und bieten unter ihren Eigenmarken sogar Bio-Produkte „für den kleinen Geldbeutel“.
Doch für kleine und mittelgroße Biohändler wird der Wettbewerb zur Zerreißprobe. Superbiomarkt, Basic, Biomare – einst bekannte Namen in der Biolandschaft – mussten Insolvenz anmelden. Nur wenige konnten sich retten. Andere, wie die Berliner Bio Company, kämpfen trotz 200 Millionen Euro Jahresumsatz mit Verlusten.
Bio beim Discounter: Fluch oder Fortschritt?
Was viele überrascht: Rund 80 % aller Bio-Lebensmittel werden mittlerweile in Supermärkten und Discountern verkauft. Aldi, Lidl, Rewe und Edeka haben längst ihre eigenen Bio-Linien aufgebaut – und bieten Gurken, Milch und Müsli mit Siegel deutlich günstiger an als der kleine Laden um die Ecke.
Das ist gut für den Verbraucher. Aber es verändert das Spiel. Die kleinen Läden, oft mit persönlichem Anspruch und hohem Idealismus geführt, können bei Einkaufspreisen und Sortiment kaum noch mithalten.
Von der Weltverbesserung zum Business-Plan
Dabei war der Anfang anders gedacht. Der Gründer von Alnatura, Götz Rehn, spricht noch heute von „Arbeitsgemeinschaft“ und nennt seine Azubis „Lehrlinge“. In Darmstadt beendete er eine Pressekonferenz mit dem Appell: „Helfen Sie mit, die Welt zu verbessern!“ – doch der Markt folgt längst anderen Regeln.
Alnatura gehört laut Rehn einer Stiftung, die sein Erbe verwalten soll. Doch aktuell liegt der Großteil der Unternehmensanteile weiterhin bei ihm selbst. Auch bei Dennree geht der Blick zwar gern in Richtung nachhaltige Zukunft – aber das operative Geschäft läuft längst nach den Regeln des Marktes.
Verdrängt der Erfolg die Seele des Bio-Gedankens?
Der Boom hat seinen Preis. Die Pioniere der ersten Stunde, die mit selbstgemachten Aufstrichen und krummem Gemüse starteten, sehen sich nun überholt von professionellen Ketten – und von Discountern, die Bio als Verkaufsschlager entdeckt haben.
Was bleibt, ist die Frage: Was bedeutet Bio heute noch? Geht es um Siegel – oder um Haltung? Um Umsatz – oder um Wirkung?
Klar ist: Die Bio-Bewegung steht an einem Wendepunkt. Der Markt wächst. Doch er wächst nicht für alle. Und während Kunden zwischen Nutri-Score, Tierwohllabel und günstigen Bio-Angeboten wählen, droht die Vielfalt zu verschwinden, die den Bio-Gedanken einst so besonders gemacht hat.
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