Der Bio-Boom, der jahrelang als Beweis für ein wachsendes Umwelt- und Klimabewusstsein galt, hat spürbar an Kraft verloren. Trotz anhaltender Debatten über Nachhaltigkeit, Tierwohl und Klimaschutz sinken die Umsätze im Bio-Einzelhandel in Deutschland. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Spiegel der wirtschaftlichen Realität vieler Haushalte.
Inflation und deutlich gestiegene Lebenshaltungskosten haben das Konsumverhalten verändert. Miete, Energie und Versicherungen fressen einen immer größeren Teil des Einkommens. Beim Einkauf im Supermarkt wird deshalb wieder stärker gerechnet – und gespart. Bio-Produkte, die häufig deutlich teurer sind als konventionelle Alternativen, geraten dabei schnell unter Druck. Viele Verbraucherinnen und Verbraucher greifen bewusst oder notgedrungen zu günstigeren Produkten, auch wenn diese nicht den eigenen ökologischen Idealen entsprechen.
Besonders stark zeigt sich der Rückgang bei Bio-Fleisch. Während Tierwohl gesellschaftlich weiterhin ein wichtiges Thema ist, schrecken die Preise viele Kundinnen und Kunden ab. Ähnlich sieht es bei Bio-Molkereiprodukten aus: Milch, Joghurt oder Käse aus ökologischer Erzeugung werden seltener gekauft, sobald das Haushaltsbudget enger wird. Auch Bio-Brot, lange Zeit ein stabiler Verkaufsschlager, verliert an Nachfrage – obwohl gerade hier Regionalität und handwerkliche Qualität oft betont werden.
Hinzu kommt ein verändertes Konsumverhalten. Immer mehr Menschen kaufen gezielt nur noch einzelne Bio-Produkte, statt den gesamten Warenkorb ökologisch auszurichten. Bio wird damit vom Alltagsstandard wieder zum bewussten „Luxusartikel“. Gleichzeitig wächst das Angebot an günstigen Eigenmarken im konventionellen Bereich, die mit Nachhaltigkeitsversprechen, regionaler Herkunft oder Tierwohl-Labels werben – und so die klassische Bio-Abgrenzung verwischen.
Der Rückgang der Bio-Umsätze bedeutet jedoch nicht automatisch ein Ende des Umweltbewusstseins. Vielmehr zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Haltung und Handlung. Viele wollen nachhaltig konsumieren, können oder wollen es sich aber nicht mehr in vollem Umfang leisten. Für den Bio-Handel ist das eine gefährliche Entwicklung: Sinkende Umsätze treffen besonders kleinere Fachgeschäfte und Erzeuger, die höhere Produktionskosten haben und weniger Preisspielraum besitzen.
Langfristig stellt sich damit eine unbequeme Frage: Wie nachhaltig kann Konsum sein, wenn ökologische Entscheidungen vor allem vom Kontostand abhängen? Der aktuelle Rückgang bei Bio-Käufen ist weniger eine Abkehr von grünen Werten als ein Warnsignal – dafür, dass Nachhaltigkeit ohne soziale und wirtschaftliche Tragfähigkeit an ihre Grenzen stößt.
Leave a comment