Stell dir vor, wir müssten das Chaos wieder einsammeln, das wir jahrzehntelang achtlos in die Luft gepustet haben. Genau das steht Deutschland jetzt bevor – und zwar schneller, als viele denken. Denn selbst wenn alle Kohlekraftwerke abgeschaltet, Autos elektrifiziert und Heizungen modernisiert sind: Ein gewaltiges Restproblem bleibt.
Die Rede ist von CO₂-Emissionen, die sich kaum vermeiden lassen – aus der Zementindustrie, der Landwirtschaft, der Müllverbrennung. Sie machen laut Studien 10 bis 20 Prozent der deutschen Emissionen aus. Und sie müssen aktiv aus der Atmosphäre entfernt werden, wenn Deutschland bis 2045 klimaneutral sein will.
CO₂ muss raus – notfalls mit Maschinen
Ein Team von mehr als 100 Wissenschaftler:innen aus über 30 Instituten hat sich in dem Projekt CDRterra vier Jahre lang mit genau dieser Frage beschäftigt: Wie holen wir CO₂ zurück – und wo liegen die Risiken? Die Antwort: Mit einem Mix aus natürlichen und technischen Methoden.
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Wälder waren einst unsere besten Klimaschützer – heute werden sie durch Trockenheit und Schädlinge vielerorts zur CO₂-Quelle.
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Moore, wenn wiedervernässt, könnten helfen – sie speichern CO₂, verbessern die Biodiversität und schützen vor Hochwasser.
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Technik hilft nach: CO₂ aus der Luft filtern und unterirdisch speichern – zum Beispiel aus Zementwerken oder Biogasanlagen. Auch künstliche Photosynthese ist denkbar – dabei entsteht fester Kohlenstoff, der dauerhaft gebunden werden kann.
Das Problem: Fläche, Energie – und Zeit
Doch es ist kompliziert. Wo pflanzt man Bioenergiepflanzen, wenn dieselbe Fläche auch für Nahrungsmittel gebraucht wird? Wie speichert man CO₂ sicher, ohne Lecks? Und was tun, wenn die Methoden selbst viel Energie benötigen – und diese noch nicht ausreichend grün ist?
Jessica Strefler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung warnt: „Der Platz für Fehler ist winzig. Die Entnahme-Kapazitäten reichen gerade so, um das unvermeidbare CO₂ aufzufangen. Als Ausrede, um weiter Gas oder Öl zu verbrennen, taugen sie nicht.“
Zeit für klare Entscheidungen
Auch Geografie-Professorin Julia Pongratz von der LMU München mahnt: „Die größte Gefahr ist Nichtstun.“ Wer heute nicht handelt, wird morgen mit deutlich höheren Kosten und drastischeren Folgen leben müssen. CO₂-Vermeidung sei immer günstiger als nachträgliche Entfernung.
Immerhin: Die Bundesregierung hat mit einer Gesetzesnovelle erste Schritte gemacht, um CO₂-Speicherung rechtlich zu ermöglichen. Doch noch sind viele Fragen ungeklärt – und die Zeit läuft.
Fazit: Die Zukunft ist jetzt – aber nur, wenn wir sie auch bauen
Deutschland kann klimaneutral werden. Die Werkzeuge sind da. Die Erkenntnisse auch. Was fehlt, ist Mut zur Umsetzung, klare politische Leitplanken – und der Wille, Verantwortung nicht weiter in die Zukunft zu schieben.
Denn eines ist sicher: CO₂ verschwindet nicht von allein. Wir müssen es holen – aus der Luft, aus dem Boden, aus unserer Vergangenheit. Und wir müssen jetzt damit anfangen.
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