Bio boomt – aber nicht überall gleich stark. Während in Bundesländern wie Bayern oder Baden-Württemberg der ökologische Landbau einen festen Platz in der Landwirtschaft eingenommen hat, bleibt Niedersachsen zurück: Nur sechs Prozent der landwirtschaftlichen Fläche werden hier ökologisch bewirtschaftet. Damit verfehlt das Land nicht nur sein selbst gestecktes Ziel von zehn Prozent bis 2025 deutlich, es bildet auch das Schlusslicht im bundesweiten Vergleich.
Doch wie kann das sein – ausgerechnet in einem der landwirtschaftlich stärksten Bundesländer Deutschlands?
Gute Böden, schlechte Aussichten für Bio?
Der Grund für das schleppende Bio-Wachstum in Niedersachsen ist paradox: Die fruchtbaren Böden des Landes machen den Umstieg auf Ökolandbau wirtschaftlich weniger attraktiv. Wer in der konventionellen Landwirtschaft hohe Erträge erzielt, scheut den Risikoaufschlag, den die ökologische Wirtschaftsweise mit sich bringt – geringere Erträge, höhere Produktionskosten und mehr Aufwand bei gleichzeitiger Unsicherheit auf dem Bio-Markt.
„Die Ertragsdifferenz ist auf sehr guten Böden besonders groß – und damit sinkt die Bereitschaft zur Umstellung“, erklärt Agrarökonom Achim Spiller von der Universität Göttingen.
Strukturelle Hürden und politische Signale
Doch nicht nur der Boden bremst: Bürokratische Hürden, langwierige Genehmigungsverfahren – vor allem für tiergerechte Bio-Ställe – sowie widersprüchliche politische Signale machen vielen Landwirtinnen und Landwirten den Einstieg in den Ökolandbau schwer. Auch ökonomisch hapert es: In den letzten Jahren sind die Preise für konventionelle Produkte gestiegen, was die Attraktivität von Bio zusätzlich schmälert.
„Die Unsicherheit ist groß, und viele Betriebe warten erst einmal ab“, sagt Carolin Grieshop vom Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN).
Wachstum ja – aber zu wenig
Zwar ist der Bio-Anteil in Niedersachsen niedrig, doch das Wachstum war in früheren Jahren durchaus dynamisch – teilweise sogar über dem Bundesdurchschnitt. Zwischen 2016 und 2017 etwa legte die Ökofläche im Land deutlich zu. Doch seitdem hat sich das Tempo verlangsamt. 2024 lag das Wachstum nur noch bei 0,9 Prozent – zu wenig, um ambitionierte Ausbauziele zu erreichen.
Bio unter Druck – auch wegen globaler Krisen
Der Bio-Markt selbst hat in den letzten Jahren gelitten: Der Ukraine-Krieg, steigende Lebenshaltungskosten und Inflation haben viele Verbraucher verunsichert. Während in der Corona-Zeit noch ein Umsatzwachstum von 20 Prozent verzeichnet wurde, war die Nachfrage zuletzt verhaltener. Zwar erholte sich der Markt 2023 wieder leicht – mit einem Rekordumsatz von 17 Milliarden Euro – doch der Importanteil an Bio-Produkten ist hoch. Das birgt neue Risiken: Wenn nicht genug heimische Betriebe auf Öko umstellen, droht die Lücke durch Importe geschlossen zu werden.
Lichtblicke und neue Wege
Trotz der Probleme gibt es auch Erfolge: Niedersachsen ist bundesweit führend bei der ökologischen Tierhaltung – jedes zweite Bio-Ei stammt von hier. Auch in der Gesamtfläche liegt Niedersachsen immerhin auf Platz drei. Um regionale Bio-Betriebe besser zu unterstützen, plant das Land ab 2026 ein eigenes niedersächsisches Biosiegel – in Anlehnung an das bewährte Modell aus Baden-Württemberg.
Zudem fördert das Land derzeit sieben Öko-Modellregionen, um den Wissenstransfer und die Zusammenarbeit in der Bio-Branche zu stärken.
Ziel 2030 – erreichbar oder realitätsfern?
Die Landesregierung hält am Ausbauziel fest: 25 Prozent bis 2030. Agrarökonom Spiller hält solche Ziele grundsätzlich für sinnvoll, mahnt aber mehr Flexibilität an: „Ziele müssen sich an der Realität orientieren und angepasst werden können, wenn sich Rahmenbedingungen ändern.“
Denn klar ist: Der Ökolandbau ist kein Selbstläufer. Er braucht politische Unterstützung, eine stabile Nachfrage und vor allem ein wirtschaftliches Umfeld, das Investitionen in Nachhaltigkeit möglich macht.
Fazit:
Niedersachsen steht beim Ökolandbau an einem Scheideweg. Die natürlichen Voraussetzungen sind gut – vielleicht zu gut. Doch wer nachhaltige Landwirtschaft wirklich will, muss Hemmnisse abbauen, klare Signale setzen und die Bio-Betriebe gezielt fördern. Sonst bleibt das Ziel von mehr Öko-Landwirtschaft ein Papiertiger.
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