Die zunehmenden Hitzewellen und anhaltenden Trockenperioden stellen die Landwirtschaft in Deutschland und Europa vor immer größere Herausforderungen. Ausgetrocknete Böden, sinkende Erträge und zunehmende Wetterextreme gefährden die Versorgungssicherheit und setzen landwirtschaftliche Betriebe wirtschaftlich unter Druck. Wissenschaftler sehen deshalb in einer alten, lange vernachlässigten Bewirtschaftungsform einen wichtigen Baustein für die Landwirtschaft der Zukunft: Agroforstsysteme. Durch die gezielte Kombination von Ackerbau mit Bäumen und Sträuchern sollen Böden geschützt, Wasser besser gespeichert und die Folgen des Klimawandels abgemildert werden. Aktuelle Forschungsprojekte zeigen, dass diese Form der Landnutzung weit mehr leisten könnte als nur Schatten zu spenden.
Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE) erforscht gemeinsam mit landwirtschaftlichen Betrieben, wie sich Gehölze sinnvoll in moderne Agrarflächen integrieren lassen. Unterstützt wird das Projekt mit rund 295.000 Euro von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Ziel ist es, praxistaugliche Konzepte zu entwickeln, die Landwirten helfen, ihre Betriebe besser gegen Hitze, Trockenheit und Bodenerosion zu wappnen.
Rückkehr zu einer alten Idee
Agroforstwirtschaft ist keineswegs eine neue Erfindung.
Über Jahrhunderte gehörten Hecken, Baumreihen und Streuobstwiesen selbstverständlich zur Kulturlandschaft. Erst mit der Industrialisierung der Landwirtschaft wurden viele dieser Strukturen beseitigt. Große, zusammenhängende Schläge erleichterten den Einsatz moderner Landmaschinen und steigerten kurzfristig die Produktivität. Gleichzeitig verschwanden jedoch natürliche Windschutzstreifen, Lebensräume für Tiere und zahlreiche Elemente, die das Mikroklima auf den Feldern positiv beeinflussten.
Heute erkennen Wissenschaftler zunehmend, dass diese Entwicklung auch Nachteile mit sich gebracht hat. Die sogenannte „Ausräumung der Landschaft“ hat vielerorts dazu beigetragen, dass Böden stärker austrocknen, Wind ungehindert über Felder fegt und fruchtbarer Oberboden leichter verloren geht.
Bäume als natürliche Klimaanlage
Nach Einschätzung der Forschenden können Bäume und Sträucher das Mikroklima auf landwirtschaftlichen Flächen erheblich verbessern.
Ihre Kronen spenden Schatten und senken die Temperaturen auf den Feldern. Gleichzeitig verdunsten sie Wasser über ihre Blätter und sorgen dadurch für eine natürliche Kühlung der Umgebung. Ihre tiefen Wurzeln erschließen zudem Bodenschichten, die Kulturpflanzen häufig nicht erreichen, und tragen dazu bei, Wasser länger im Boden zu halten.
Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Baumreihen wirken als Windschutz. Dadurch wird die Verdunstung reduziert und Bodenerosion verhindert. Wertvolle Nährstoffe bleiben auf den Flächen erhalten, anstatt durch Wind oder Starkregen abgetragen zu werden.
Hilfe gegen Ernteausfälle
Die Forschung gewinnt vor dem Hintergrund des Klimawandels zunehmend an Bedeutung.
Studien gehen davon aus, dass steigende Temperaturen und häufigere Extremwetterereignisse die landwirtschaftlichen Erträge weltweit erheblich beeinträchtigen könnten. Je nach Entwicklung der Treibhausgasemissionen rechnen Wissenschaftler langfristig mit deutlichen Ernterückgängen. Gleichzeitig erleben viele Regionen Europas bereits heute längere Dürreperioden und außergewöhnliche Hitzewellen.
Vor diesem Hintergrund gelten Agroforstsysteme als eine Möglichkeit, die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Betriebe zu erhöhen. Zwar verhindern sie Extremwetter nicht, sie können deren Auswirkungen jedoch abschwächen.
Mehr Artenvielfalt auf den Feldern
Neben dem Klimaschutz versprechen Agroforstsysteme auch ökologische Vorteile.
Hecken und Baumreihen bieten Lebensräume für Vögel, Insekten und zahlreiche andere Tierarten. Gerade Bestäuber wie Wildbienen profitieren von zusätzlichen Blüh- und Rückzugsflächen. Gleichzeitig können natürliche Gegenspieler vieler Schädlinge zurückkehren, wodurch sich der Einsatz chemischer Pflanzenschutzmittel teilweise verringern lässt.
Eine höhere Biodiversität wirkt sich wiederum positiv auf die Stabilität landwirtschaftlicher Ökosysteme aus und kann langfristig auch die Erträge sichern.
Zusätzliche Einnahmequellen für Landwirte
Die Forschenden verfolgen nicht ausschließlich ökologische Ziele.
Empfohlen werden unter anderem Walnuss-, Esskastanien- und Maulbeerbäume. Diese verbessern nicht nur das Mikroklima, sondern liefern zugleich wirtschaftlich nutzbare Produkte. Walnüsse und Esskastanien können vermarktet werden, Maulbeerblätter eignen sich als Tierfutter und das Holz der Bäume kann später zusätzliche Erlöse bringen.
Dadurch entstehen für landwirtschaftliche Betriebe neue Einkommensquellen, die klassische Ackererträge ergänzen können.
Umsetzung bleibt anspruchsvoll
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse ist Agroforst kein Selbstläufer.
Die Pflanzung von Bäumen erfordert langfristige Planung und Investitionen. Es dauert mehrere Jahre, bis Gehölze ihre volle Wirkung entfalten oder wirtschaftliche Erträge liefern. Gleichzeitig müssen moderne Maschinen weiterhin effizient eingesetzt werden können. Deshalb beschäftigen sich die aktuellen Forschungsprojekte intensiv mit geeigneten Baumarten, Pflanzabständen und Anbausystemen.
Auch rechtliche und förderpolitische Fragen spielen eine wichtige Rolle. Experten weisen darauf hin, dass bestehende Förderprogramme und Verwaltungsregelungen den flächendeckenden Ausbau von Agroforstsystemen bislang teilweise erschweren.
Kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Baustein
Die Wissenschaft macht deutlich, dass Agroforst allein die Folgen des Klimawandels nicht beseitigen kann. Standortbedingungen, Niederschläge, Bodenqualität und die Auswahl geeigneter Baumarten entscheiden darüber, wie groß der tatsächliche Nutzen ausfällt. Dennoch wächst unter Forschern die Überzeugung, dass vielfältigere Agrarsysteme künftig eine zentrale Rolle spielen werden.
Angesichts immer häufigerer Hitzewellen und zunehmender Wetterextreme könnte die Rückkehr von Bäumen und Sträuchern auf landwirtschaftliche Flächen deshalb weit mehr sein als eine ökologische Maßnahme. Sie könnte sich zu einem wichtigen Bestandteil einer klimaresilienten Landwirtschaft entwickeln – einer Landwirtschaft, die Erträge sichert, natürliche Ressourcen schützt und zugleich die Artenvielfalt stärkt. Damit erhält eine traditionelle Bewirtschaftungsform neue Aktualität und könnte zu einem entscheidenden Baustein für die Ernährungssicherung der kommenden Jahrzehnte werden.
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