Virtuelle Zäune könnten die Weidetierhaltung flexibler und effizienter machen, ohne das Verhalten von Rindern stärker zu beeinträchtigen als herkömmliche Elektrozäune. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Universität Göttingen, die in der Fachzeitschrift Animal veröffentlicht wurde. Die Forschenden untersuchten, wie sich Rinder auf der Weide bewegen und ob sich ihr Verhalten je nach Zaunsystem unterscheidet.
Das zentrale Ergebnis: Für die Tiere ist offenbar weniger entscheidend, ob eine Grenze sichtbar oder unsichtbar ist. Ausschlaggebend ist, dass sie die Grenze als solche wahrnehmen. Die Rinder hielten die Begrenzungen sowohl bei klassischen Elektrozäunen als auch bei virtuellen Zäunen zuverlässig ein. In beiden Systemen hielten sich die Tiere seltener in den Randbereichen auf, bewegten sich dort langsamer und nutzten stärker die Mitte der Weide.
Für die Studie wertete das Forschungsteam Bewegungsdaten von 31 Färsen aus. Die Tiere waren per GPS erfasst worden; anschließend wurden ihre Aufenthaltsorte zwei Bereichen zugeordnet: der Randzone nahe der Weidegrenze und der Weidemitte. So konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler genauer prüfen, ob sich mögliche Effekte des virtuellen Zauns vor allem in Grenznähe zeigen.
Virtuelle Zäune arbeiten mit GPS-fähigen Halsbändern. Nähert sich ein Tier der zuvor digital festgelegten Grenze, ertönt zunächst ein akustisches Signal. Wird die Grenze dennoch überschritten, kann ein kurzer elektrischer Impuls folgen. Im Lernprozess verknüpfen die Tiere den Warnton mit dem Reiz und kehren im Idealfall bereits nach dem akustischen Signal um.
Erstautorin Dr. Natascha A. Grinnell von der Abteilung Graslandwissenschaft der Universität Göttingen sieht in den Ergebnissen eine Entlastung der Debatte um Tierwohlfragen. Virtuelle Zäune würden von Rindern ähnlich zuverlässig respektiert wie herkömmliche Elektrozäune und seien aus Tierschutzsicht nicht grundsätzlich problematischer. Daraus ergäben sich neue Möglichkeiten für ein modernes und flexibles Weidemanagement.
In der Praxis könnten virtuelle Zäune vor allem dort Vorteile bringen, wo Weidegrenzen häufig verändert werden müssen. Statt Pfähle und Litzen umzusetzen, lassen sich Parzellen digital über App oder Webanwendung festlegen. Das kann insbesondere bei Portionsweiden, Mob-Grazing-Systemen, Hanglagen, Feuchtflächen oder schwer zugänglichen Weiden Arbeitszeit sparen. Auch sensible Bereiche wie Brutflächen, junge Bäume oder erosionsgefährdete Zonen könnten gezielt ausgespart werden.
Trotz der positiven Studienergebnisse ist der Einsatz virtueller Zäune in Deutschland rechtlich bislang nicht allgemein erlaubt. Nach Darstellung von Oekolandbau.de fällt die Technik derzeit unter das Verbot von Stromreizen zur Verhaltenssteuerung, sofern dadurch Schmerzen, Leiden oder Schäden entstehen können. Ein rechtssicherer Einsatz wäre demnach nur über eine Gesetzesanpassung oder ausdrückliche Ausnahmegenehmigungen möglich.
Die Göttinger Studie dürfte die fachliche und politische Diskussion dennoch weiter befeuern. Sie liefert Hinweise darauf, dass virtuelle Zäune bei sachgerechter Anwendung nicht zu grundsätzlich anderen räumlichen Verhaltensmustern führen als klassische Elektrozäune. Für Betriebe, die Weidehaltung flexibler organisieren wollen, bleibt die Technik damit eine interessante Option — vorausgesetzt, Tierwohl, Betriebssicherheit und Rechtsrahmen werden klar geregelt.
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