Wer zu Bio-Fleisch, Bio-Milch oder Bio-Eiern greift, verbindet damit häufig eine klare Erwartung: Den Tieren soll es besser gehen als in der konventionellen Landwirtschaft. Doch wie groß ist dieser Unterschied tatsächlich? Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen ein differenziertes Bild. Die ökologische Tierhaltung bietet in wichtigen Bereichen bessere Voraussetzungen für das Tierwohl – eine Garantie für ein gesundes und stressfreies Tierleben ist das Bio-Siegel allein jedoch nicht.

Das Informationsportal Ökolandbau.de greift die Frage nach den Leistungen des Biolandbaus regelmäßig auf. Eine umfangreiche Metastudie, über die das Portal berichtet, wertete insgesamt 528 wissenschaftliche Veröffentlichungen aus. Untersucht wurden 33 Vergleichsparameter zwischen ökologisch und konventionell wirtschaftenden Betrieben. Neben Wasserschutz, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und Klimaschutz gehörte auch das Tierwohl zu den betrachteten Bereichen.

Mehr Platz und Auslauf sind wichtige Vorteile

Grundsätzlich gelten in der ökologischen Tierhaltung strengere Anforderungen. Die Tiere erhalten mehr Platz und Möglichkeiten für natürliches Verhalten. Je nach Tierart gehören Auslauf oder Weidegang ebenso zum Konzept wie Anforderungen an Stallgestaltung und Fütterung.

Das ist für die Beurteilung des Tierwohls von Bedeutung. Ein Schwein benötigt beispielsweise nicht nur Futter und einen trockenen Stall. Es hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Beschäftigung, Erkundung und Bewegung. Ähnliches gilt für Rinder und Geflügel.

Damit schafft die Biohaltung zunächst bessere strukturelle Voraussetzungen. Entscheidend bleibt jedoch, was ein Betrieb daraus macht. Ein großzügiger Stall oder vorhandener Auslauf allein verhindern weder Erkrankungen noch Verletzungen.

Auch Bio-Tiere können krank werden

Genau hier liegt eine wichtige Einschränkung bei der oftmals stark vereinfachten Gleichung „Bio = Tierwohl“. Die Haltungsform ist nur ein Faktor für die tatsächliche Gesundheit eines Tieres.

Management, Hygiene, Fütterung, Stallklima, Genetik, Betreuung und die Erfahrung der Tierhalter spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Ein gut geführter konventioneller Betrieb kann deshalb bei einzelnen Tiergesundheitsindikatoren besser abschneiden als ein schlecht geführter Biohof.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse sprechen somit eher dafür, Bio als bessere Ausgangsbasis für Tierwohl zu betrachten und nicht als Garantie dafür. Auch Ökolandbau.de weist bei verschiedenen Haltungsformen darauf hin, dass regelmäßige Kontrollen für das Tierwohl unverzichtbar bleiben.

Überraschender Schwachpunkt: Kälber werden auch auf Biohöfen häufig getrennt

Besonders deutlich werden die Grenzen des Bio-Ansatzes bei Milchkühen und ihren Kälbern.

Viele Verbraucher dürften davon ausgehen, dass ein Bio-Kalb nach der Geburt selbstverständlich längere Zeit bei seiner Mutter bleibt. Das ist jedoch keineswegs vorgeschrieben. Nach Angaben von Ökolandbau.de ist es auch in der Bio-Milchviehhaltung erlaubt, Kuh und Kalb nach der Geburt zu trennen. Sowohl in der konventionellen als auch in der ökologischen Milchproduktion wachsen Kälber häufig getrennt von ihren Müttern auf.

Einige Biohöfe gehen inzwischen freiwillig deutlich weiter.

Bei der kuhgebundenen Kälberaufzucht bleiben die Jungtiere bei ihrer Mutter oder einer Ammenkuh und können regelmäßig am Euter trinken. Bei der muttergebundenen Haltung verbringen Mutter und Kalb teilweise mehrere Monate miteinander.

Damit sollen die Tiere unter anderem Sozialverhalten innerhalb der Herde erlernen und ihr natürliches Saugverhalten ausleben können. Für die Betriebe bedeutet dieses Modell allerdings auch einen wirtschaftlichen Verzicht: Milch, die das Kalb trinkt, kann nicht verkauft werden.

Das männliche Kälberproblem verschwindet durch Bio ebenfalls nicht

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft männliche Kälber aus Milchviehbetrieben. Da sie keine Milch produzieren und bestimmte hochgezüchtete Milchviehrassen zugleich weniger Fleisch ansetzen, sind sie wirtschaftlich oftmals weniger attraktiv.

Nach Angaben des Informationsportals werden selbst mehr als 90 Prozent der männlichen Bio-Kälber bestimmter Milchviehrassen bereits im Alter von etwa zwei Wochen an konventionelle Mastbetriebe abgegeben. Einige Bio-Initiativen versuchen deshalb, auch diese Tiere auf den eigenen Betrieben beziehungsweise innerhalb ökologischer Strukturen aufzuziehen.

Für Verbraucher ist das eine wichtige Erkenntnis: Der Kauf eines Bio-Milchproduktes bedeutet nicht zwangsläufig, dass sämtliche Tiere, die mit dessen Produktion verbunden sind, ihr gesamtes Leben nach Bio-Standards verbringen.

Bio hat Vorteile – Verbraucher sollten trotzdem genauer hinsehen

Die wissenschaftliche Betrachtung spricht insgesamt dafür, dass der ökologische Landbau bei zahlreichen Umweltaspekten deutliche Vorteile besitzt. Bei der Biodiversität fallen diese besonders klar aus: In der ausgewerteten Forschung lag beispielsweise die Artenzahl der Ackerflora im Mittel um 95 Prozent, die der Feldvögel um 35 Prozent und die der blütenbesuchenden Insekten um 23 Prozent höher als bei konventioneller Bewirtschaftung.

Beim Tierwohl ist die Bewertung komplexer.

Bio schafft durch strengere Haltungsvorgaben wichtige Voraussetzungen für ein tiergerechteres Leben. Gleichzeitig entscheiden die konkrete Betriebsführung, Tiergesundheit und zusätzliche freiwillige Standards darüber, wie gut es einem Tier tatsächlich geht.

Für Verbraucher kann es deshalb sinnvoll sein, nicht ausschließlich auf das Bio-Siegel zu achten, sondern zusätzliche Angaben zur Haltung zu berücksichtigen – beispielsweise Weidehaltung, mutter- oder kuhgebundene Kälberaufzucht, regionale Herkunft oder weitergehende Standards einzelner Bioverbände.

Fazit: Das Bio-Siegel ist ein wichtiger Anfang – aber kein Tierwohl-Vollkasko

Die entscheidende Erkenntnis lautet daher nicht, dass Bio beim Tierwohl versagt. Im Gegenteil: Die ökologische Landwirtschaft setzt an mehreren wichtigen Punkten höhere Standards und schafft bessere Voraussetzungen für natürliches Verhalten.

Doch Bio und Tierwohl sind nicht dasselbe. Auch auf einem Biohof können Kälber früh von ihren Müttern getrennt werden, Tiere erkranken oder Haltungsbedingungen in der Praxis unterschiedlich gut umgesetzt werden.

Wer beim Einkauf möglichst konsequent auf Tierwohl achten möchte, sollte deshalb genauer hinschauen. Das Bio-Siegel liefert eine wichtige Orientierung – die tatsächliche Geschichte hinter Milch, Fleisch oder Eiern kann jedoch wesentlich komplexer sein.

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