Das Good Food Institute Europe (GFI Europe) begrüßt, dass der neue Protein-Aktionsplan der Europäischen Kommission die Bedeutung von Proteinvielfalt und heimischen Eiweißpflanzen für Europas Ernährungssicherheit anerkennt. Zugleich kritisiert die Organisation, dass der Plan bei entscheidenden Punkten zu unkonkret bleibe: Es fehlten zusätzliche Maßnahmen für landwirtschaftliche Betriebe, die Eiweißpflanzen für die menschliche Ernährung anbauen wollen, sowie klare Zusagen für öffentliche Forschungsförderung zu alternativen Proteinen.
Die EU-Kommission hatte den Protein-Aktionsplan am 7. Juli 2026 veröffentlicht. Ziel ist es, die Resilienz, strategische Autonomie und Nachhaltigkeit des europäischen Proteinsystems zu stärken. Die Kommission verweist dabei auf die starke Importabhängigkeit der EU bei eiweißreichen Futtermitteln: Bei Ölsaaten und Eiweißpflanzen stammten 2025 nur 25 Prozent des in der EU genutzten Proteins aus europäischer Produktion. Besonders Soja bleibt ein kritischer Importposten.
GFI Europe sieht es positiv, dass die Kommission Proteinvielfalt nicht nur als Frage der Tierfütterung, sondern auch als Chance für neue Wertschöpfung in Landwirtschaft und ländlichen Räumen beschreibt. Der Plan erkennt an, dass pflanzenbasierte Lebensmittel in Europa etabliert sind und steigende Umsätze mit pflanzenbasierten Proteinprodukten neue Perspektiven für Landwirtinnen und Landwirte schaffen können.
Nach Einschätzung von GFI Europe reicht diese Anerkennung jedoch nicht aus. Der Aktionsplan enthalte keine zusätzlichen konkreten Förderinstrumente, die Betriebe beim Umstieg auf den Anbau von Eiweißpflanzen für Lebensmittel unterstützen. Gerade hier sieht die Organisation eine zentrale Lücke: Ohne verlässliche Anreize, Abnahmewege und Investitionen könnten viele Betriebe zögern, stärker in Kulturen wie Erbsen, Ackerbohnen, Lupinen, Linsen oder Kichererbsen einzusteigen.
Auch bei Forschung und Innovation bleibt der Plan aus Sicht von GFI Europe hinter seinen Möglichkeiten zurück. Zwar verweist die Kommission darauf, dass EU-Forschungsprogramme wie Horizon 2020 und Horizon Europe bereits mehr als 190 Millionen Euro in Forschung und Innovation zu Eiweißpflanzen investiert haben. GFI Europe vermisst jedoch klare neue Zusagen für alternative Proteinquellen, insbesondere für pflanzenbasierte Produkte sowie Biomasse- und Präzisionsfermentation.
Die Organisation betont, dass moderne Fermentationstechnologien helfen könnten, Geschmack, Textur und Kosten alternativer Proteinprodukte zu verbessern. Der EU-Plan erkenne zwar an, dass innovative Fermentation nachhaltigeres Tierfutter ermöglichen könne. Die Rolle solcher Technologien für Lebensmittel für den menschlichen Verzehr werde aber nicht ausreichend berücksichtigt. Für Deutschland mit seiner starken Forschungslandschaft, etablierten Lebensmittelindustrie und vielen Start-ups sei das eine verpasste Chance.
Der politische Druck für eine breitere Proteinstrategie wächst auch aus klima- und umweltpolitischen Gründen. Die Europäische Umweltagentur hatte erst im Juni 2026 betont, dass eine stärkere Diversifizierung der Proteinversorgung Europas Ernährungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz verbessern und zugleich Umweltbelastungen senken könne. Entscheidend sei allerdings, Proteindiversifizierung als langfristige strategische Aufgabe zu behandeln.
Ivo Rzegotta, Leiter Deutschland bei GFI Europe, sieht deshalb die EU und Deutschland in der Pflicht. Europa verfüge über Forschung, Unternehmen und industrielle Voraussetzungen, um bei alternativen Proteinen eine führende Rolle einzunehmen. Damit dieses Potenzial genutzt werden könne, brauche es aber gezielte öffentliche Investitionen und konkrete politische Maßnahmen. Anerkennung allein, so die Botschaft von GFI Europe, wird nicht reichen, um Europas Abhängigkeit von Importen zu verringern und neue Wertschöpfung für Landwirtinnen und Landwirte zu erschließen.
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